Man sieht nur mit dem Herzen gut


Kurzbeschreibung:

Die 32jährige Sekretärin Marietta Kufstein-Köstelbrunner hat es nicht leicht. Sie hadert nicht nur mit ihrem Namen – nein, sie träumt auch von einem Literaturstudium. Leider hat sie nur Zeit für eine Vorlesung als Gasthörerin. Sie hängt jeden Mittwoch dem Literaturprofessor Damian Buchsbaum an den Lippen und träumt von einem gemeinsamen Leben mit ihm in der Toskana. In ihrer Vorstellung leben sie in einem Häuschen mit blauen Fensterläden. Neben dem Zitronenhain und Lavendelfeldern liest er ihr die neuesten Romane vor…
Doch zuerst muss sie ihren chaotischen Alltag in Stuttgart in den Griff bekommen. Hausmeister Hannes schleicht sich unbemerkt in ihr Herz – aber soll sie für ihn ihren großen Traum aufgeben?

Kapitel 1

Sanft strich der Wind durch die seidenen Vorhänge unseres großen Himmelbettes und strich liebevoll über unsere Körper hinweg, die nach leidenschaftlichen Liebesspielen noch eng umschlungen auf den Satinlaken verharrten. Ich öffnete die Augen, blinzelte den warmen Sonnenstrahlen entgegen und dann geschah es wieder. Ein kleines Feuerwerk brach in meinem Inneren los, als ich in Damians meerblaue Augen sah. Dann glitt ich in diesen tiefen, azurfarbenen See, streichelte seine muskulöse Brust und er hauchte süße Liebeserklärungen in mein Ohr, während er mit seiner Zunge meine Ohrläppchen sanft umkreiste…

Plötzlich schnarrte die Türklingel laut und unangenehm. Ich öffnete meine verklebten Augen: vor einigen Tagen hatte ich eine Bindehautentzündung gehabt. Ich war leider wieder im Hier und Jetzt: Es gab leider nur meinen alten, abgeschabten Teddy Bob in meiner altersquietschenden Pritsche und wenigstens das schicke Boxspring-Equipment mit Betthimmel hätte meine Traumfee hinterlassen können – wenn schon Damian so unerreichbar war.

Das Klingeln wurde drängender, scheinbar nahm der hartnäckige Störer überhaupt keine Rücksicht – mitten in der Nacht, was bildete der sich ein?? Wütend drehte ich den neuen Lichtwecker zu mir, um das Display abzulesen.

Ohhh, mein Gott!!! Schon dreiviertel Acht!! Na ja, dann konnte ich diesen Versuch auch zu den Akten legen: Auch auf künstliches Sonnenlicht reagierte mein Körper nicht. Ich stöhnte laut auf und schlurfte zur Tür, nur damit dieses eklige Läuten aufhörte. Mein Morgenschlaf schien sich an keinem Gerät zu stören, wohingegen ich sehr gerne morgens um zwei für eine Stunde wachzuwerden pflegte. Dann kamen mir alle Ereignisse des Tages noch einmal in den Sinn und es spielten sich ganze Filme ab, zu wem ich was in welcher Form hätte sagen sollen. Gegen halb sechs verfiel ich dann (nachdem ich alle Optionen durchgespielt hatte) regelmäßig in einen Tiefschlaf.
Ein kurzer Blick in den Spiegel ließ mich erschrocken zurückweichen. Meine Haare standen in alle Richtungen ab und wirkten so struppig wie das Fell eines Hundes, der schon drei Wochen nicht mehr gebürstet worden war. Wo war nur der Kamm, wenn man ihn mal brauchte? Ich kaufte im Drogeriemarkt gefühlte zehn Kämme in der Woche, die aber alle unauffindbar in meiner kleinen Wohnung zu versickern schienen. Ebenso verhielt es sich mit den Haargummis. Gab es vielleicht unsichtbare Mitbewohner, kleine Monster, die sich gern die Haare kämmten und sie dann zu kleinen Zöpfen flochten? Wahrscheinlich sollte ich einen Kammerjäger bestellen. Auch meine teigige Gesichtsfarbe trug nicht dazu bei, meine Laune zu heben.

Notdürftig ordnete ich meinen verschlissenen Schlafanzug und ging dann todesmutig an die Tür. Wer so früh bei mir klingelte, musste jetzt ganz stark sein. Es war meine Vermieterin, die schon munter und voller Energie ihren perfekt bestrumpften Fuß in die Wohnung setzte. Hinter ihr stand ein schlaksiger, junger Mann, dessen entschuldigendes Lächeln immerhin sympathisch wirkte.
„Wir wollen kurz die Wasserhähne kontrollieren!“ flötete sie und musterte mich mit gekräuselten Lippen von oben bis unten. Schließlich blieb ihr Blick an meinem hervorstehenden Bauch hängen, da mein Schlafanzugoberteil nach mehreren Wäschen etwas eingegangen war. Natürlich sah ich nicht so adrett aus wie ihre Tochter Christin, welche die opulente Dachgeschosswohnung über mir bezogen hatte. Schon morgens um sieben kam ihr sportlicher Spross wie aus dem Ei gepellt die Treppen heruntergesprungen, um ihre Joggingrunde zu absolvieren. Christins traumhaft blonden, glänzenden Haare saßen immer perfekt und vor dem Haus folgte dann ihr Stretchingprogramm mit Kurzhanteln. Anschließend hörte ich den Hochleistungsmixer anspringen, mit dem sie sich noch einen vitaminreichen Smoothie genehmigte – bevor sie im Businesskostümchen und mit einer schicken Lederhandtasche garniert in die bereitstehende Limousine stieg.

„Sie sagen doch Bescheid, wenn etwas Kleines unterwegs ist?“ fragte sie mit zuckersüßer Aprikosenstimme. „Dann brauchen sie sicher eine größere Wohnung…“ sie rutschte mit ihrem Highheel noch etwas näher zu mir heran. Christin braucht noch eine kleine Wohnung, in der sie ihre Houte couture aufbewahren kann…“
„Nein, es ist gar nichts unterwegs, jedenfalls nicht bei mir“, antworte ich knapp. Die hat vielleicht Nerven! Seit einem Jahr schon habe ich keinen Freund mehr und träume ausschließlich von Professor Buchsbach. Woher sollte ich wohl schwanger sein? Vom Mond? Ist doch wohl normal, wenn man da den einen oder anderen Schokoriegel mehr isst! Ja, und vielleicht ein paar Chips, na gut, und die eine oder andere Currywurst. Selbst in der Zeitung hatte ich mal gelesen, dass es Currywürste auf Rezept geben sollte, weil sie einfach nur glücklich machten. So ein cremiges Eis dazu, das verwöhnt ja auch.
„Ich muss wirklich gleich los!“ Vorsichtig schob ich Frau Winterberg wieder zurück.
„Puhh, ihr Atem… Also na gut. Wir stellen in zehn Minuten das Wasser ab und dann kommt Hannes…“
Sie warf einen Blick auf den jungen Mann, der jetzt ein betretenes Gesicht machte. „Hm, er kommt eben heute am späten Nachmittag wieder. Dann müssen wir aber in die Wohnung!“.

Fortsetzung folgt am 15.2.2017 exklusiv für Newsletterabonnenten 🙂

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